⚙️ Fosdem 2026: Signale von der Open-Source-Front
der 1. Februar 2026

FOSDEM 2026 war meine erste Präsenzveranstaltung, allerdings beschränkte sich meine Teilnahme auf die Samstagssitzungen. Was sofort auffällt, ist der Umfang: Dutzende parallele Vortragsreihen, Hunderte von Vorträgen und die ständige Notwendigkeit, Prioritäten zu setzen. Schnell wird klar, dass man FOSDEM nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte – ohne Vorbereitung wird die schiere Menge an Inhalten zum unübersichtlichen Durcheinander.
Ein einziger Tag vor Ort genügte, um zu erkennen, dass die eigentliche Herausforderung nicht im Zugang zu Informationen liegt, sondern in deren Auswahl. Die Priorisierung der Konferenzräume, die Wahl der Live- und zeitversetzten Vorträge sowie die Nutzung der Chat-Funktion werden Teil der Erfahrung. Dieser Artikel spiegelt diese Eindrücke des ersten Tages wider und kombiniert direkte Beobachtungen mit technischen Daten aus den besuchten Sessions.
1. Eröffnungsrede und digitale Souveränität
Die Eröffnungsrede auf der FOSDEM 2026 (https://fosdem.org/2026) thematisierte digitale Souveränität. Ein zentrales Konzept war „FOSS in Zeiten von Krieg, Knappheit und (feindlicher) KI“ oder „strategische Computervermietung“. Es beschreibt den schrittweisen Wandel der Branche hin zu Cloud-First-Strategien, die den Komfort auf Kosten der Autonomie optimieren. Dieses Modell verstärkt die strukturelle Abhängigkeit von proprietären Plattformen und setzt Nutzer und Organisationen einseitigen Änderungen, Serviceausfällen oder politisch bedingten Einschränkungen aus.
Aus systemischer Sicht hat sich die Software-Lieferkette als primäres Angriffsziel herausgestellt. Da ein durchschnittliches europäisches Unternehmen von zehntausenden Softwarekomponenten abhängig ist, ähnelt die moderne Infrastruktur zunehmend einem Jenga-Turm: stabil, solange kein einziger, oft unsichtbarer Stein entfernt wird. Vorfälle wie die XZ-Backdoor und ähnliche langfristige Infiltrationsstrategien verdeutlichen, wie Schwachstellen in der Lieferkette im Laufe der Zeit asymmetrisch ausgenutzt werden.
Anstatt primär regulatorische Maßnahmen vorzuschlagen, betonte die Keynote die Organisationsstruktur als zentrales technisches Problem. Insbesondere wurden von Verwaltern geführte Organisationen mit explizit gemeinwohlorientierten Missionen als strukturelle Alternative zu risikokapitalgetriebenen Modellen vorgestellt, bei denen kurzfristige Exit-Anreize oft im Widerspruch zur langfristigen Integrität der Infrastruktur stehen.
2. Maßstab, Dichte und die Notwendigkeit der Vorbereitung
Die FOSDEM 2026 brachte mehr als 8.000 Teilnehmer und über 1.000 Vorträge in 65 Konferenzräumen zusammen und zählte damit zu den größten technischen Open-Source-Veranstaltungen Europas. Meine erstmalige Teilnahme beschränkte sich auf den ersten Tag, was jedoch ausreichte, um eine wiederkehrende Einschränkung zu verdeutlichen: Die FOSDEM lässt sich nicht spontan besuchen.
Die schiere Anzahl paralleler Sitzungen macht Echtzeit-Entscheidungen ineffektiv. Um einen Mehrwert zu erzielen, ist eine Vorbereitung der Veranstaltung erforderlich, einschließlich der frühzeitigen Auswahl spezifischer Themenbereiche, Referenten und Fachgebiete. Andernfalls wird die Konferenz schnell zu einem ständigen Hin- und Herwechseln zwischen verschiedenen Themen anstatt zu einem fokussierten Lernerlebnis.
Diese Dichte spiegelt sich auch in der digitalen Ebene von FOSDEM wider. Die offizielle Chat-Plattform, die auf Matrix/Element basiert und über chat.fosdem.org erreichbar ist, erweitert die Diskussionen über physische Räume hinaus. Sie dient als Koordinierungsebene für kurzfristige Änderungen, technische Nachfragen und asynchronen Austausch – eine unverzichtbare Ergänzung, wenn die physische Anwesenheit allein nicht ausreicht.
3. Werkzeugentwicklung statt Hype
Mehrere Sitzungen bestätigten einen allgemeineren Trend: Sinnvolle Innovationen im Open-Source-Bereich finden derzeit bei fundamentalen Werkzeugen statt, nicht bei Neuheiten auf der Produktebene.
Die Diskussionen um Git v3 konzentrierten sich auf extreme Skalierungsbeschränkungen, beispielsweise auf Repositories mit zig Millionen Referenzen. Die Einführung des reftable Backends ermöglicht atomare Aktualisierungen und konsistente Referenzansichten und behebt damit langjährige Einschränkungen des Dateisystems. Untersuchungen zum inhaltsdefinierten Chunking für große Objekte deuten zudem auf die Wiedereinführung von Funktionen hin, die zuvor in externe Systeme wie Git LFS ausgelagert wurden.

Auch in den Webview-Sitzungen wurde der Fokus auf Portabilität und Verhaltensspezifikation anstatt auf neuen Abstraktionen gelegt. Entwickler dokumentieren zunehmend Plattformunterschiede, insbesondere zwischen Android und iOS, um stabile Baselines für eingebettete Webinhalte zu definieren. Das Interesse an der Servo-Engine spiegelt den Wunsch nach entkoppelten, leistungsorientierten Komponenten wider, die nicht an monolithische Betriebssysteme gebunden sind.

In beiden Fällen liegt der Schwerpunkt auf Wartung, Vorhersagbarkeit und Skalierbarkeit, nicht auf Störungen.
4. Angewandte Systeme unter realen Randbedingungen
Die Präsentation von Botronics veranschaulichte, wie angewandte Ingenieurskunst aussieht, wenn Theorie auf physikalische Grenzen trifft. Die Entwicklung eines autonomen Golftrolleys für Endverbraucher mit einem Zielpreis von rund 5.000 € erfordert ständige Kompromisse zwischen Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und Kosten.
Die wichtigsten technischen Entscheidungen wurden durch die betrieblichen Gegebenheiten bestimmt:
- Die Migration zu Zenoh für die gemeinsame Speicherkommunikation reduzierte die CPU-Auslastung um ca. 10 % und verbesserte so die thermische und Energieeffizienz. * Für OTA-Updates wurde Balena eingeführt, um die Komplexität der Wartung benutzerdefinierter Yocto-basierter Images für eine ganze Geräteflotte zu vermeiden. * Der Betrieb in unkontrollierten Außenumgebungen führte zu einer Verlagerung des Fokus auf robuste Lokalisierung und computergestützte Hinderniserkennung, wobei kostspielige Sensorsysteme wie LiDAR bewusst vermieden wurden.
Es ging hier nicht um Innovation um ihrer selbst willen, sondern um Ingenieurdisziplin unter Einschränkungen.
5. Direkte Rückkopplungsschleifen: Der Fall Joplin

Eine der strukturellen Stärken von FOSDEM ist nach wie vor der direkte Zugang zu den Entwicklern. Gespräche mit Laurent Cozic, dem Entwickler von Joplin, und Greg Lagarde, Marketingleiter bei Joplin, lieferten konkrete Einblicke in die Entwicklung des Projekts, insbesondere der Open-Source-Webanwendung Joplin, die sich derzeit in der Beta-Phase befindet.
Diese Austauschprozesse ermöglichen Feedback, das über Issue-Tracker hinausgeht, insbesondere in Bezug auf Synchronisierungsmodelle, plattformübergreifende Konsistenz und reale Nutzungsmuster. Dies deckt sich mit früheren Darkwood-Artikeln, die Joplin als Werkzeug für das tägliche Wissensmanagement dokumentieren, darunter:
Die Interaktion bestärkte Joplin in seiner Positionierung als souveränes persönliches Wissenssystem, in dem die Kontrolle über Daten, Formate und Arbeitsabläufe im Mittelpunkt steht. Einen Überblick darüber finden Sie auf dem YouTube-Kanal.
6. Automatisierung, KI und die Toolchain-Denkweise
Die KI-Diskussionen auf der FOSDEM waren bemerkenswert pragmatisch. Anstatt KI als kognitiven Ersatz darzustellen, griffen mehrere Gespräche die Warnung des Hauptredners vor der Delegation des Denkens selbst auf, die mitunter als Weg in Richtung „digitaler Demenz“ beschrieben wird.
Stattdessen richtete sich die Aufmerksamkeit auf KI als Infrastrukturerweiterung:
- Verwendung von Plugins wie Jarvis für kontextbezogene Unterstützung in Notizen * Untersuchung von MCP-basierten Integrationen zur Verbindung von Notizsystemen mit lokalen oder selbst gehosteten Sprachmodellen * Lokalisierung, Containerisierung und Auditierbarkeit der KI-Workloads, um intransparente SaaS-Abhängigkeiten zu vermeiden
In diesem Kontext wird KI eher als eine Art Reinigungsschicht betrachtet, die sich wiederholende oder strukturelle Aufgaben übernimmt, anstatt als maßgebliche Quelle der Wahrheit.
7. Ökosystem, Campus und physische Realität
Die Präsenz der grundlegenden Distributionen Ubuntu, Debian, Nix auf der FOSDEM unterstreicht den vielschichtigen Charakter des Open-Source-Ökosystems. Diese Projekte bilden das Fundament, auf dem Innovationen höherer Ebenen aufbauen.

Der Université Libre de Bruxelles (ULB) Solbosch Campus, etwa 30 Minuten vom Brüsseler Stadtzentrum entfernt mit U-Bahn und Bus gelegen, bildet ein passendes physisches Gegenstück zu dieser vielschichtigen Struktur: groß, dezentralisiert und mitunter schwer zu navigieren. Seine Dimensionen unterstreichen die Notwendigkeit, sich während der Veranstaltung sowohl physisch als auch intellektuell bewusst zu bewegen.
Über Vorträge und Stände hinaus dient FOSDEM auch als Treffpunkt für informelle, persönliche Begegnungen. Diese unstrukturierten Gespräche bringen oft Fragen der Governance, langfristige Projektausrichtungen und Spannungen im Ökosystem ans Licht, die in formellen Präsentationen selten zur Sprache kommen.

Abschluss
FOSDEM 2026 bestätigt einen umfassenderen Wandel im Open-Source-Bereich: weg von fragmentierter Innovation und hin zu integrierten, resilienten und souveränen Infrastrukturen. Die wichtigste Arbeit findet heute in Bereichen statt, die oft als wenig glamourös gelten: Tools, Wartung, Governance und Abhängigkeitsmanagement.
Die Wertschöpfung aus einem solchen Ökosystem erfordert Vorbereitung, Selektivität und ein fundiertes Verständnis des Ökosystems. FOSDEM belohnt keinen passiven Konsum. Es belohnt diejenigen, die es als ein System betrachten, das es zu durchdringen gilt, und nicht als eine Veranstaltung, die man besucht.